Holzschuh-Preis für Studie

Bei Diabetes Typ 1 produziert der Körper kein eigenes Insulin. Dieses Hormon transportiert den Energielieferanten Zucker (Glukose) zu den Zellen. Die Betroffenen sind auf tägliche Insulin-Spritzen angewiesen. Die Erkrankung beginnt meist in der Kindheit oder Jugend. Sie kann zu verschiedenen Beschwerden führen, auf Dauer auch zu Folgeschäden z.B. an Nieren oder Augen. Aber auch Menschen mit Typ 1 Diabetes können fasten: Das zeigte jetzt eine Pilotstudie.

 

Die erste Autorin der Machbarkeitsstudie, Dr. Bettina Berger von der Universität Witten/Herdecke (UW/H), hat gemeinsam mit ihrer Arbeitsgruppe ein mehrtägiges Fasten erprobt. Dafür wurde sie in der letzten Woche mit dem Holzschuh-Preis für Komplementärmedizin ausgezeichnet. Der Preis wird jährlich vom Stiftungsrat der Karl und Hilde Holzschuh-Stiftung vergeben und ist mit 5000 Euro dotiert. Zu den Autor:innen des Studienberichtes gehören auch die Mediziner Rainer Stange und Andreas Michalsen, beide Mitglieder der Ärztegesellschaft  Heilfasten & Ernährung e.V..

Als therapeutische Maßnahme konnten für das Fasten eine Vielzahl von positiven Wirkungen nachgewiesen werden. Aber Menschen mit Typ-1-Diabetes wurde bisher vom Fasten abgeraten. Vor allem wird dies mit der komplizierten Steuerung des Insulin-Haushalts begründet. Nur wenige Ärzt:innen sind bereit, Menschen mit Typ 1 Diabetes während des Fastens zu betreuen. 



Dr. Bettina Berger und ihre Arbeitsgruppe haben hier einen ersten Schritt gewagt. Sie haben in einer Studie die Machbarkeit, die positiven Auswirkungen und auch fastenbedingte Nebenwirkungen untersucht. Dazu fasteten 20 Personen mit und eine Referenzgruppe von 10 Personen ohne Diabetes 7 Tage nach dem Buchinger-Programm. Das Buchinger Fasten ist eine leitlinienbasierte multimodale Intervention, und umfasst neben der Einnahme von Flüssigkeiten wie Brühe, Gemüsesaft, Wasser und Tee auch Bewegung, ressourcenorientiertes Training und Achtsamkeit. Selbstverständlich wurde die Insulindosierung an das Fasten angepasst und alle Werte regelmäßig kontrolliert. 



Und die Ergebnisse können sich sehen lassen. Die Blutzuckerwerte sind überwiegend im Zielbereich geblieben; es gab keine schweren Hypo- oder Hyperglykämien. Signifikant verbessert haben sich sowohl direkt nach dem Fasten als auch in einer Nacherhebung das Gewicht und der BMI. In der qualitativen Befragung 4 Monate nach der Intervention konnten neben den physischen Verbesserungen deutliche Änderungen im Diabetes-Management festgestellt werden: eine gesteigerte Flexibilität im Umgang mit Essensvorschriften und die Entwicklung der Fähigkeit zum intermittierenden Fasten.



Prof. Dr. med. Harald Matthes, Vorstand der Hufelandgesellschaft und Juryvorsitz, begründet die Auswahl wie folgt: „Die Jury hält diese Studie der komplexen Fastenintervention für einen wichtigen Meilenstein in der zukünftigen Behandlung auch von Typ 1 Diabetiker:innen; nunmehr ist deren Sicherheit und Nutzen gut belegt und sollte auf größere Patient:innenkollektive angewandt werden.“ 



Und Ragnar Watteroth, Stiftungsrat der Karl und Hilde Holzschuh-Stiftung betont: „Den Stiftern war es ein großes Anliegen, die komplementäre Medizin zu fördern. Mit der Vergabe dieses Forschungspreises, einem der wichtigsten Preise im Bereich Integrative Medizin, kommen wir dem Wunsch der Stifter nach. Und dass wir in diesem Jahr - bereits zum 15. Mal nicht nur eine solch hochkarätige Forschungsarbeit auszeichnen dürfen, sondern auch noch eine der Patientengruppen im Mittelpunkt steht, die sonst wenig von Komplementärmedizin profitieren durfte, freut uns ganz besonders.“



Highlights

  • In einer Gruppe von 20 Personen mit Typ-1-Diabetes trat während 7 Tagen des Fastens keine Ketoazidose, also eine gefährliche Stoffwechselentgleisung, auf.
  • Bei Menschen mit Typ-1-Diabetes mit stabilen Blutzuckerwerten ist ein Wechsel von kohlenhydrat- auf ketonbasierte Energiebereitstellung möglich.
  • Durch Fasten können Body-Mass-Index und verschiedene Symptome sowie Risikofaktoren bei Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes langfristig verbessert werden. 
  • Multimodales 7-Tage-Fasten nach einem Buchinger Programm bei Typ-1-Diabetes als von vielen Patient:innen bevorzugte Methode könnte sich als praktikabel erweisen und könnte als zusätzliche Behandlungsmöglichkeit dienen, wenn zukünftig die Wirksamkeit auch noch in einer randomisierten kontrollierten Studie nachgewiesen werden könnte.



(fa)

Quelle

Pressemitteilung

Pressemitteilung
Universität Witten/Herdecke, Kay Gropp, 30.11.2021

Originalpublikation


Berger B, Jenetzky E, Köblös D, Stange R, Baumann A, Simstich J, Michalsen A, Schmelzer KM, Martin DD. Seven-day fasting as a multimodal complex intervention for adults with type 1 diabetes: Feasibility, benefit and safety in a controlled pilot study. Nutrition. 2021 Jun; 86: 111169. doi: 10.1016/j.nut.2021.111169. Epub 2021 Jan 22. PMID: 33636417.

Foto

Foto: Nataliya Vaitkevich / pexels

 

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